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Das war der Männerkongress 2018. Wir bedanken uns bei Ihnen für Ihr Interesse und Ihre Teilnahme.

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Eröffnungsansprache 5. Männerkongress 2018, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Matthias Franz

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Herzlich willkommen zum 5. Männerkongress an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf.

Ich begrüße Sie im Namen der Veranstalter dem Klinischen Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Düsseldorf und der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf. Beide Institutionen richten die Männerkongresse wie jedesmal aus und wir freuen uns sehr über Ihr reges Interesse auch an der diesjährigen Tagung.

Unser Thema ist nicht einfach. Der doppeldeutige Tagungstitel „Männer. Macht. Therapie.“ ist sperrig und erschließt sich vielleicht erst auf den zweiten Blick. Wir fragen nach den Hintergründen der unübersehbaren Retraditionalisierung von Macht und Männlichkeit. Welche Kontroversen, Konflikte, Tabus, welche individuellen und kollektiven Ängste bedingen diesen Prozess, der nicht nur den politischen Raum bestimmt sondern auch bis in unsere psychotherapeutischen Behandlungen hineinreicht?

Hierzu einige psychoanalytisch inspirierte Gedanken. Vielleicht spüren manche von Ihnen bei sich selbst oder bei ihren Patienten angesichts zunehmend komplexerer und unabsehbarer Bedrohungsszenarien aufsteigende Ängste vor dem Unvertrauten und diffuse Sorgen um den Verlust eigener Sicherheit.

Wir alle erleben ja seit Jahrzehnten eine zunehmende Fragmentierung familialer und sozialer Verbindlichkeit. Ein entgrenzter Verwertungskapitalismus und die extreme, ja unethische Ungleichverteilung seiner Kapitalströme stellen familiäre, ökologische und sinnstiftende Lebensgrundlagen in Frage. In Zeiten wachsender Beunruhigung und struktureller Umbrüche, in Zeiten, in denen große gesellschaftliche Gruppen Unsicherheit durch Globalisierung, Armut, Ausgrenzung, Migration von außen und soziale Segregation von innen zu ertragen haben, werden auch kindliche Trennungserfahrungen und unverarbeitete Ängste in der Auseinandersetzung mit diesen Prozessen hochbedeutsam. Globale Großlagen wie der sich ankündigende Klimawandel, die wachsende Umweltzerstörung, die Digitalisierung der Arbeitswelt oder die unkalkulierbaren Risiken einer global eskalierten Kommerzialisierung aller Lebensbezüge – übrigens auch in der Medizin spürbar – befördern individuelle und kollektive Ängste.

Zudem: Die sakrosankte Dreifaltigkeit, die im Nachkriegsdeutschland männliche Identität und das betäubte Weitermachen ermöglichte, ist perdu, in der Krise oder korrumpiert: die D-Mark, der Fußball und nun auch noch das Auto. Schlimm.

Kommen angesichts dieser Entwicklungen kindlich erfahrene Verunsicherungen und Verletzungen oder frühe Ängste vor erneuter hilfloser Abhängigkeit ins Schwingen, erschwert der angststarre Blick in den Rückspiegel die Sicht nach vorn auf die Straße. Dann kann sich das Realitätserleben ganzer Bevölkerungsgruppen von den Fakten entfernen. Auch ihr Verhalten kann durch eine wiederbelebte paranoid entdifferenzierte Wahrnehmung und Gefühlswelt beeinflusst werden. Verschwörungstheorien haben dann Konjunktur.

Wenn Bedrohungen zu spürbar werden, wollen auch die medial verabreichten Tranquilantien nicht mehr so recht beruhigen. Und wenn es dann Mühe macht bei den verstörenden Fakten zu bleiben und klar zu denken, wenn Fakenews als realphantasmatische Brandbeschleuniger latente Ängste weiter eskalieren, dann ist bald Schluss mit lustig.

In diesem Zusammenhang ist es psychologisch und politisch hochbedeutsam, dass die Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung nicht über ein sicheres Bindungsmuster verfügt und möglicherweise deshalb sehr intensiv und mit hoher Angstbereitschaft auf äußere Problemlagen reagiert, eben weil diese emotional auch an kindheitlich erlittene Nöte erinnern.

Aus diesen vielfältigen Verunsicherungen aktualisieren sich Ängste vor einem Verlust von Selbstwert, Selbstbestimmung, Halt und Identität. Es entsteht ein gesellschaftliches Klima, das von vielen Menschen als diffuse Bedrohung wahrgenommen wird und dann zu unterschiedlichen Reaktionsbildungen führt. Die Welt zerfällt erst langsam und dann immer schneller wieder in gut und böse, in Gutmenschen und Wutbürger, in „wir“ und „die“ und es finden sich zuverlässig starke Männer, die die Komplettauflösung des Vertrauten verhindern sollen. Die Psychoanalyse beschreibt die dichotome Entdifferenzierung der Wahrnehmungsorganisation, die damit einhergehende wachsende affektgesteuerte Impulsivität und die Delegation der Aggression an ein idealisiertes Objekt als psychisches Abwehrmanöver, als Spaltung der Welt in gut-ich und böse-fremd, die dem psychischen Überleben des kindlichen Selbst in der eigenen Gruppe angesichts als unübersehbar erlebter Gefahren dienen soll.

Sogar das in der Öffentlichkeit als Beziehungshormon gefeierte Oxytocin zeigt unter solchen Bedingungen seine Schattenseite. Zwar fördert es Vertrauen und altruistische Kooperation innerhalb der eigenen Gruppe. Nach außen hin sorgt es aber für Abgrenzung und Aggression. Unter Druck phantasiert und handelt unsere im Zweifelsfall leider nur selektiv altruistische Spezies immer noch sehr leicht entlang der Dimensionen gruppaler Identität, Territorialität und patriarchalischer Machtpraxis.

Donald Trumps „America first“ oder Boris Johnsons „take back control“ in England sind Parolen, in denen diese Mechanismen propagandistisch manipulativ verdichtet werden. Und auch hinter dem Ruf „Merkel muss weg“ verbirgt sich deshalb nicht nur sachliche Kritik an der Regierungsarbeit sondern wohl auch die Rettungsphantasie vom starken Mann, der vor dem Wiedererleben kindlicher Refusionsängste mit dem Bild einer in der Not emotional abwesenden, unempathischen Mutti schützen soll. Ganz offensichtlich haben autokratische Politiker derzeit jedenfalls wieder zunehmend Konjunktur.

Für den Soziologen Andreas Kemper verkörpern sie männliche Macht, und das Versprechen der Teilhabe auch für die Underdogs. So erklärt er, warum weiße Fabrikarbeiter plötzlich Trump gut finden, nämlich – „weil sie hoffen, in diesem Strom von Männlichkeit mitzuschwimmen“ und ihre Kränkungen und Erniedrigungen und ihr Ohnmachtsgefühl vergessen zu können.

Diese Wiederbelebung autoritärer und auch objektiv gefährlicher Aspekte von Männlichkeit in der Politik, die projektive Delegation und Aneignung von Macht und die an die führenden Protagonisten delegierte Abwehr kollektiver Ängste und kindlicher Verletzungen findet ihre Entsprechung in einer wachsenden sich – in Teilen durchaus auch nachvollziehbar - belogen, betrogen und bedroht fühlenden, tatsächlich auch weniger gebildeten und marginalisierten männlichen, nach rechts tendierenden Bevölkerungsgruppe. Der Sozialdemokrat, spätere Anarchist und Schriftsteller Otto Rühle belegte diese Gruppe unter Bezugnahme auf Alfred Adler 1925 Jahren mit dem Begriff der „proletarischen Protestmännlichkeit“, die aufgrund ihrer Befangenheit in kindlichen Traumatisierungen jedoch nicht zu einem analytischem Umgang mit der sozialen Frage vordringe.

Ein hochumstrittener Politiker des äußeren rechten Spektrums forderte seine Zuhörer vor Kurzem passend hierzu auf, männlicher zu werden: „Wir müssen unsere Männlichkeit wieder entdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft, und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“.

Es entwickeln sich derzeit aber auch außerhalb der Politik weitere Erscheinungsformen archaischer Männlichkeit, beispielsweise in der Jugendkultur. Jungen wachsen heute häufig ohne verlässliches, väterlich vermitteltes männliches Rollenmodell auf, suchen oft verzweifelt nach Identifikationsmöglichkeiten, organisieren sich in hypermaskulinen Peergroups oder fahren ihre Schulkarriere mittels Egoshootern an die Wand. Es fehlen die Väter und die Wertschätzung für rough and tumble play, es fehlen Räume in denen Jungen rangeln und Jungen sein dürfen, wenn sie es wollen. Walter Hollstein schrieb vor Kurzem in der Basler Zeitung: „Wenn ein konkretes, also erfahrbares Wissen über Männlichkeit fehlt, suchen es Jungen in der Adoleszenz zumeist in physischen Auseinandersetzungen. Auch Gewalt «erwachsener» Männer wird so beschrieben, dass sich Männer in der Auseinandersetzung mit Frauen als ohnmächtig empfinden und dies bei ihnen ein Gefühl von Erstarrung auslöst. Gewalt wird dann als letztes Mittel erlebt, um sich wieder zu spüren.“.

So gesehen werden manche Reservate archaischer Männlichkeit in der Jugendkultur etwas verständlicher - beispielsweise im Bereich gewalttätig agierender Peergroups und Fußballfans. Und in der Tat könnte man den Fußballkult als säkular polytheistische Männerreligion ansehen, in der primär männlich verstandene Attribute – wie tribaler Jagdeifer, Konkurrenz, Kampfbereitschaft, Kraft, regulierte Gewalt und aggressive Körperlichkeit – in riesigen Sakralgebäuden verhandelt und verehrt werden. Tragischerweise finden sich die Anhänger des zweifellos männlichen Fußballgottes nach dem schmachvoll frühen Ausscheiden der „Deutschen Nationalmannschaft“ - was für ein begriffliches Bollwerk restaurativer Männlichkeit - derzeit in lähmender Bedeutungslosigkeit ihrer Idole beraubt.

Aber auch in anderen Bereichen der männlichen Jugendkultur scheint sich eine Wiederkehr des Verdrängten abzuzeichnen. Da wäre beispielsweise die Idolisierung des Macho in der Rapperszene und im Hip Hop. Scheinbar testosterongetränkte Akteure geben die ganz ganz bösen Jungs und spielen lustvoll und dabei kommerziell höchst erfolgreich mit jeglichen Tabus und allem, was Feministinnen je an Männern kritisiert haben: mit Gewalt, Vergewaltigung, Waffen, Auschwitz, Drogen, Prunk, PS und Protz und natürlich frauenverachtender Dominanz nach der Devise: find them, fool them and forget them. Wie groß muss das männliche Identitätsvakuum sein, wenn derartige Überdosen nötig sind es zu füllen?

Angesichts dessen und metoo schämt man sich vielleicht anständigerweise fremd, reibt sich die Augen und wundert sich über dieses Wiedererstarken überwunden geglaubter dystopischer Männlichkeit und beschließt: Dazu müssen wir einen Kongress veranstalten.

Und genau das haben wir wieder getan. Wie immer haben wir versucht unser Tagungsthema fotographisch ins Bild zu setzen und zum fünften mal ist unserer Fotografin das wieder gut gelungen, übrigens zum fünften mal mit demselben Jungen bzw. jetzt jungen Mann, der mit unserem Kongress immer älter wird. Also: Männer. Macht. Therapie. Wir fragen nach den Kontroversen, Konflikten, Tabus und Ängsten, die die unübersehbare Retraditionalisierung von Macht und Männlichkeit bedingen. Und wir fragen welche Beiträge die Psychosomatische Medizin und eine psychoanalytisch inspirierte Sichtweise zum Verständnis und zum Umgang mit diesen Prozessen liefern können. Und wir werden fragen, welche Ideen und Beiträge zu einer männersensitiven Psychotherapie sich abzeichnen. Hier bestehen offensichtlich weiterhin erhebliche Defizite, so dass es viel zu vielen verunsicherten und entwerteten Männern wieder attraktiver erscheint sich neurotisch überkompensierend zu ermannen oder sich in projektiver Idealisierung autokratischer Verführer auf destruktive Scheinlösungen einzulassen anstatt sich den Fakten zu stellen und ihre emotionalen Verwundungen wahrzunehmen. Wir werden diesen Themen in zahlreichen Vorträgen nachgehen und hierzu renommierte Experten und Expertinnen hören. Die Veranstalter wünschen Ihnen allen dabei interessante Anregungen und neue Einsichten, die Sie übrigens in einem Kongressband, der wieder in etwa einem Jahr als Buch erscheinen wird, noch einmal vertiefen können.